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Turntablism · 11 min

Das DJ-Q-Bert-Skratch-Lexikon — die 30 dokumentierten Pattern-Familien systematisch

Richard Quitevis hat in zwei Jahrzehnten eine Klassifikation entwickelt, die heute als De-facto-Standard des Turntablism gilt. Ein systematischer Durchgang durch die Pattern-Familien, ihre Notation und die didaktische Realität für Anfänger.

Wenn von einem Skratch-Lexikon die Rede ist, fällt regelmäßig derselbe Name: Richard Quitevis, besser bekannt als DJ Q-Bert. Der in San Francisco geborene DJ und Mitbegründer der Invisibl Skratch Piklz hat über zwei Jahrzehnte hinweg eine Klassifikation entwickelt, die heute als De-facto-Standard des Turntablism gilt. Die Klassifikation ist nicht vom Reißbrett gefallen — sie ist aus der Battle-Praxis der Neunziger und Nuller herausgewachsen und nachträglich systematisiert worden. Wer 2026 als Anfängerin oder Anfänger einsteigt, bekommt diese Systematik in den Lehrvideos präsentiert, als sei sie selbstverständlich. Sie ist es nicht. Sie ist das Ergebnis einer beträchtlichen Übersetzungsarbeit zwischen körperlicher Praxis und Begriff.

Dieser Artikel geht die Klassifikation systematisch durch — nicht als Tutorial, sondern als Karte. Wer die Karte liest, kann hinterher entscheiden, welche Region er betreten will.

Der Ausgangspunkt: das Baby-Scratch

Am Anfang steht der einfachste denkbare Eingriff: die Hand bewegt die Schallplatte vor und zurück, der Crossfader bleibt offen. Das ist das Baby-Scratch. Es ist die Grundbewegung, aus der alles andere abgeleitet ist, und es ist gleichzeitig die didaktische Einstiegsübung jeder ernsthaften Turntablism-Schule. Wer das Baby-Scratch nicht sauber kann — also: kein Wackeln im Handgelenk, keine Geschwindigkeitsschwankung zwischen Vor- und Rückwärtsbewegung — kommt bei den komplexeren Pattern an ein hartes Limit.

Das Forward-Scratch isoliert die Vorwärtsbewegung; der Crossfader wird in der Rückwärtsbewegung geschlossen. Das Reverse-Scratch dreht die Logik um: nur die Rückwärtsbewegung ist hörbar. Diese drei Bewegungen — Baby, Forward, Reverse — sind die Grundgrammatik. Sie sind, was die ersten drei Akkorde auf der Gitarre sind. Mit ihnen lässt sich nichts Spektakuläres bauen, ohne sie ist nichts Spektakuläres zu bauen.

Tear, Chirp, Stab

Die nächste Familie entsteht durch eine Unterteilung der Bewegung. Beim Tear-Scratch wird die Vorwärts- oder Rückwärtsbewegung nicht in einem Zug ausgeführt, sondern in zwei oder drei kleinen Schüben. Die Bewegung „zerreißt” — daher der Name. In der Notation, die später noch diskutiert wird, wird das Tear häufig als Folge kurzer Pfeilsymbole mit Pausenmarkern dargestellt.

Das Chirp-Scratch kombiniert zwei Crossfader-Bewegungen mit einer Plattenbewegung: Der Fader wird zu Beginn der Vorwärtsbewegung geöffnet, kurz vor dem Ende geschlossen, und für die Rückwärtsbewegung wieder geöffnet. Das Ergebnis ist ein zwitschernder Klang, daher die Bezeichnung. Das Chirp gilt als das erste Pattern, an dem die Koordination zwischen Plattenhand und Faderhand wirklich getestet wird.

Das Stab-Scratch ist verwandt: eine sehr kurze, scharf abgeschnittene Vorwärtsbewegung mit präziser Crossfader-Schließung. Stabs sind in Battle-Routinen die Punktuation — die Ausrufezeichen.

Die Flare-Familie

Mit der Flare-Familie wechselt der Anspruchsgrad. Das Flare wurde Anfang der Neunziger DJ Flare aus der San Francisco Bay zugeschrieben und durch die Invisibl Skratch Piklz international verbreitet. Die Grundidee: Der Crossfader wird nicht nur am Anfang und am Ende einer Plattenbewegung bedient, sondern wird währenddessen mehrfach geklickt.

Beim 1-Click-Flare durchquert eine einzige Plattenbewegung (vor oder zurück) einen kurzen Fader-Klick: kurz schließen, wieder öffnen. Das Ergebnis ist ein in der Mitte unterbrochenes Sample.

Beim 2-Click-Flare sind es zwei Klicks innerhalb derselben Plattenbewegung, beim 3-Click-Flare drei. Die Tempovorgabe ist nicht willkürlich: Die Klicks werden in der Regel als gleichmäßige Triolen-Unterteilung der Bewegung gespielt, was rhythmisch in einer Vier-Viertel-Struktur eine charakteristische Mikro-Polymetrik erzeugt.

Wer mit Flares arbeitet, kommt schnell zu der Erkenntnis, dass die rhythmische Sauberkeit hier alles ist. Ein 3-Click-Flare, dessen Klicks nicht exakt sitzen, klingt nicht nach Virtuosität, sondern nach Stolpern. Die Battle-Juroren der DMC und der ITF achten genau darauf.

Crab und Twiddle

Das Crab-Scratch wird häufig als das schwierigste Standard-Pattern angesehen. Die Faderhand bewegt sich nicht durch einen einzigen Daumen-Zeigefinger-Klick, sondern durch eine schnelle Folge von Fingerstößen auf den Fader, während der Daumen den Fader zurückhält. Das Resultat ist eine sehr hohe Klick-Dichte innerhalb einer einzigen Plattenbewegung — bei guten Praktikern vier bis fünf Klicks pro Vorwärts- oder Rückwärtsbewegung. Der Name kommt von der Krabben-ähnlichen Fingerbewegung.

Das Twiddle-Scratch ist verwandt, aber strukturell anders: Zwei Finger (meist Mittel- und Zeigefinger) bewegen den Fader im schnellen Wechsel hin und her, während der Daumen die Rückholung übernimmt. Twiddles erzeugen eine kontinuierliche Klick-Folge ohne die Mikropausen, die beim Crab entstehen.

Diese Familie ist die, an der Anfänger am häufigsten scheitern. Die Koordination zwischen den drei beteiligten Fingern ist eine andere motorische Aufgabe als das einfache Daumen-Zeigefinger-Klicken früherer Pattern. Wer sie übt, sollte mit reduziertem Tempo beginnen und nicht versuchen, durch reine Geschwindigkeit Sauberkeit zu erzwingen.

Die abgeleiteten Pattern

Neben diesen Grundfamilien gibt es eine erhebliche Zahl an abgeleiteten Pattern, die Q-Bert in seinen Lehrvideos zwischen 1998 und 2015 schrittweise dokumentiert hat. Dazu gehören das Transformer-Scratch (Crossfader im schnellen Auf-Zu-Wechsel über einem stehenden Klang), das Hydroplane-Scratch (eine schnelle, sehr leichte Plattenbewegung mit minimaler Fader-Bedienung), das Boomerang-Scratch (eine Vorwärtsbewegung, die hörbar in eine Rückwärtsbewegung übergeht), das Tweak-Scratch (Bedienung des Motors statt der Platte) und Variationen wie Drag, Phaser, Lazer, Aquaman und Sneak.

Wer die Klassifikation zählt, kommt — je nach Detailtiefe und Stand der Dokumentation — auf rund dreißig benannte Pattern-Familien. Q-Bert selbst hat in seinen späten Tutorials betont, dass die exakte Zahl irrelevant ist: Pattern sind keine geschlossene Liste, sondern eine offene Grammatik. Neue Pattern entstehen aus Kombinationen, alte verschwinden, wenn sie in der Battle-Praxis ohnehin niemand mehr nutzt.

Die Notationsfrage

Ein wiederkehrender Diskussionspunkt ist die Notation. Schon in den späten Neunzigern haben Versuche begonnen, Skratch-Pattern schriftlich darstellbar zu machen. Stuart Tanner hat in der Battle-Trainer-Szene um die Jahrtausendwende ein Pfeil-Strich-System propagiert, das auf einer horizontalen Zeitachse Plattenbewegungen (oben) und Fader-Aktionen (unten) abbildet. Sean Carter — nicht der Rapper, sondern der australische Turntablism-Pädagoge — hat in den 2000er Jahren eine alternative Notation entwickelt, die stärker an klassische Musiknotation angelehnt ist und Notenwerte verwendet.

Beide Systeme haben sich nicht durchgesetzt. Der Grund ist nicht, dass sie technisch unzulänglich wären — sie funktionieren beide —, sondern dass die Lerncommunity sich nie auf ein gemeinsames System geeinigt hat. Heute findet man in den großen YouTube-Tutorials und in den Battle-Trainings der DMC und der ITF vor allem visuell-imitative Vermittlung: vorgemacht, nachgemacht. Notation ist Bonus, nicht Standard.

Diese Lücke hat einen praktischen Preis. Wer aus der klassischen Musikausbildung kommt und gewohnt ist, Stücke schriftlich zu lernen, muss sich im Turntablism umgewöhnen. Die Lehrtradition ist mündlich-imitativ, fast handwerklich. Wer von der Universität Salzburg, vom Berklee College oder von einer anderen Institution mit Turntablism-Programm kommt, kennt mittlerweile schriftliche Vermittlung — die Mehrheit der Lernenden lernt aber weiterhin über YouTube und Crew-Mentoring.

Battle-Routine-Konstruktion

Wozu das alles? Die Antwort liegt in der Battle-Routine. Eine kompetitive Routine bei der DMC World Championship — seit 1986 vom Disco Mix Club in London ausgetragen — dauert sechs Minuten und muss eine Auswahl der dokumentierten Pattern in einer dramaturgisch tragfähigen Folge präsentieren. Wer nur Baby-Scratches in sechs Minuten zeigt, gewinnt nicht. Wer 27 Pattern in sechs Minuten zeigt, gewinnt auch nicht — die Jury achtet auf rhythmische Sauberkeit, Originalität der Sample-Auswahl, Aufbau-Spannung und Crew-Identität.

Die alternative Battle-Plattform, die ITF (International Turntable Federation), wurde 1996 in San Francisco unter anderem von Mix Master Mike (dem Beastie-Boys-DJ) und DJ Disk gegründet und legte den Fokus stärker auf die technische Differenzierung in mehreren Disziplinen: Beat Juggling, Scratching, Production, Team. Steve Dee gilt als Pionier des Beat-Juggling — der Disziplin, in der zwei Kopien derselben Platte rhythmisch verschoben werden, um neue Patterns zu erzeugen. DJ Babu (Beat Junkies) hat in den späten Neunzigern den Begriff „Turntablist” geprägt und ist damit gleichzeitig der Namensgeber der gesamten Disziplin.

Eine Routine wird heute typischerweise so konstruiert: ein Einstiegsblock mit klar erkennbaren Samples (häufig Vocal-Stabs), ein technischer Hauptblock mit den anspruchsvollsten Pattern (Crab, 3-Click-Flare, Twiddle in Kombination), ein Beat-Juggling-Block, ein Abschlussblock mit einem rhythmischen Drop. Die genaue Reihenfolge ist Crew-spezifisch, die Architektur ist quer durch die Szene erstaunlich stabil.

Lerncurve-Realität für Anfänger

Wer 2026 mit Turntablism beginnt, hat es leichter und schwerer als die Generation der späten Neunziger. Leichter, weil Lehrvideos in jeder Tiefenstufe verfügbar sind und Plattenspieler-Hardware nach der Technics-Wiederaufnahme 2016 wieder als Neuware kaufbar ist. Schwerer, weil die Latte hoch liegt: Was bei einem DMC-Vorentscheid 1995 noch State of the Art war, ist heute fortgeschrittener Mittelbau.

Die didaktische Empfehlung der erfahrenen Trainer ist seit Jahren stabil: drei Monate Baby-Scratch, dann zwei Monate Forward/Reverse, dann ein bis zwei Monate Tear/Chirp/Stab, dann der Einstieg in die Flare-Familie. Wer diesen Aufbau respektiert, baut Pattern-Wissen auf einer sauberen motorischen Basis auf. Wer früh in die Flare- und Crab-Familie einsteigt, baut häufig Fehlhaltungen ein, die später schwer zu korrigieren sind — typischerweise eine zu starre Faderhand, die ohne Daumen-Mittelfinger-Wechsel arbeitet.

Die Hardware-Voraussetzung ist seit Jahren stabil: Zwei Plattenspieler mit Direktantrieb (Technics SL-1200 GR oder MK7, in der gebrauchten Mittelklasse weiterhin MK2 oder MK5), ein Mixer mit Innofader oder vergleichbar präzisem Crossfader (etwa der Pioneer DJM-S11 in der Battle-Linie), eine Auswahl Vinyl-Scratchplatten mit klar isolierbaren Vocal-Stabs. Die Software-Frage stellt sich seit Serato DJ Pro und rekordbox die Time-Code-Vinyls anbieten praktisch nicht mehr — die Mehrheit der heutigen Battle-DJs nutzt Time-Code, ohne dass dies in der Jury-Wertung negativ vermerkt würde.

Kritische Einordnung im wissenschaftlichen Diskurs

Im akademischen Diskurs der populären Musik — von der Société d’Ethnomusicologie über die deutschsprachige Forschung an der HMT Köln bis zu den US-amerikanischen popular music studies — ist Turntablism mittlerweile Forschungsgegenstand. Die zentrale These der einschlägigen Arbeiten ist, dass die Klassifikation von Q-Bert weniger ein deskriptives als ein präskriptives System ist: Sie beschreibt nicht nur, was getan wird, sondern stabilisiert, was getan werden soll.

Diese kritische Einordnung ist nicht polemisch. Sie weist auf einen Mechanismus hin, den jede technische Disziplin kennt: Sobald ein Vokabular sich etabliert, wirkt es ordnend auf die Praxis zurück. Pattern, die im Vokabular keinen Namen haben, werden seltener gespielt. Pattern, die einen prominenten Namen haben, werden häufiger geübt. Q-Berts Klassifikation hat in den letzten zwei Jahrzehnten den Turntablism dichter, aber auch normierter gemacht.

Zugleich gibt es Gegenbewegungen. Die französische Turntablism-Szene um C2C und Birdy Nam Nam hat in den 2010er Jahren eine eigene Pattern-Familie entwickelt, die in der Q-Bert-Klassifikation nicht vollständig abgebildet ist — sie kombiniert Skratching mit Live-Sampling auf einer Loop-Pedalbasis. Die UK-Szene um JFB und das Jungle-/Drum-&-Bass-Umfeld bringt eigene Tempo-Pattern in den 170-BPM-Bereich, die mit der klassischen 90-100-BPM-Battle-Tradition nicht direkt vergleichbar sind. Die schweizerische und österreichische Szene — von DJ Pfund 500 bis zu Stress — hat eigene Akzente gesetzt.

Was als Lexikon erscheint, ist also in Wahrheit eine Momentaufnahme einer offenen Praxis. Q-Bert selbst hat das in mehreren Interviews unterstrichen: die Klassifikation ist hilfreich, sie ist nicht das Ende der Diskussion.

Wer einsteigt, wo einsteigen?

Die pragmatische Antwort lautet: bei den ersten drei Pattern bleiben, bis sie sitzen. Wer Baby, Forward und Reverse über einen Vier-Bar-Loop sauber spielen kann — ohne Tempo-Drift, ohne Crossfader-Geräusche im offenen Zustand —, hat die motorische Basis für alles Weitere. Die Versuchung, in Woche zwei mit dem ersten Crab-Versuch zu beginnen, ist groß. Sie ist fast immer ein didaktischer Fehler.

Was bleibt nach der Klassifikation? Eine Karte. Die Karte ist nicht das Gebiet. Wer sechs Stunden in der Woche übt — die Schmerzgrenze der meisten Hobby-DJs —, kommt nach zwei Jahren auf ein solides Mittelfeld-Niveau und nach fünf bis sechs Jahren in die Region, in der eigene Battle-Routinen entstehen können. Wer das Lexikon liest, ohne zu üben, lernt nichts. Wer übt, ohne das Lexikon zu kennen, kommt erstaunlich weit — landet aber regelmäßig bei Pattern, für die es längst einen Namen gibt. Die Klassifikation ist die Brücke zwischen Praxis und Diskurs. Mehr soll sie nicht sein, weniger ist sie auch nicht.


Ressort: Turntablism